Der Bosniake - eine Liebeserklärung

Der Bosniake scheint auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Pferd zu sein, dazu noch ein ziemlich kleines, ein Pony. Nun, dieser Blick täuscht, wie der folgende Bericht zeigt. Wie alle Vertreter der Spezies Pferd hat auch der Bosniake hinten und vorne je zwei Beine, hinten einen besonders schönen Schweif und vorne, durch Hals vom Rumpf getrennt, sitzt der Kopf mit den wohlgeformten Ohren, der sensiblen Nase, dem Maul und den neugierigen Augen. In der Mitte ist der Bosniake gern ein wenig rundlich.

Es gibt den Bosniaken in verschiedenen Ausführungen. Eine bunt gemischte Schar von Liebhabern und Geliebten aus unterschiedlichen Rassen hat ihre Spuren im Erbgut hinterlassen. Manche erinnern mit ihren ausladenden Hinterteilen und muskulösen Schultern an gutmütige Kaltblüter, die Tag für Tag ihre Runden über Felder ziehen oder köstlichen Gerstensaft von A nach B bringen.

Es gibt auch den arabischen Typus, schlanker, hoch gewachsen, langbeinig wie Claudia Schiffer, von Kennern auch der "bosnische Roadrunner" genannt. Andere sind eher klein und sehen sehr lieb aus und verführen zu der irrigen Annahme, man könne sein dreijähriges Töchterlein draufsetzen und das brave Pferdchen trüge dieses dann gemütlich ums Haus herum und warte, bis wir den Nachwuchs wieder runterheben. Von einem solchen Versuch ist dringend abzuraten, es sei denn, der Rasen Ihres Nachbarn ist Ihnen schon lange ein Dorn im Auge oder Sie überlegen, wie Sie Ihr Töchterlein loswerden können. Aber wer will das schon...

Ein wichtiger Punkt zur Beurteilung der Rasse sind der IQ (Intelligenzquotient) und der GQ (Gehorsamsquotient). Leider verhalten sich diese beiden Faktoren umgekehrt proportional zueinander. Das heißt, je intelligenter der Bosniake, desto weniger neigt er zu blindem Gehorsam und leider (?) ist die hohe Intelligenz eines der Hauptmerkmale dieser Rasse.

Wer außer ihnen ist imstande, ein kompliziertes Procedere zu entwickeln, wie man unter Einsatz aller Herdenmitglieder ein rangniederes Tier dazu bringt, Strom gesichertes Futter zu entsichern und dieses arme Hascherl dann auch noch zu vertreiben und selber zu fressen? Zugegebenermaßen spricht es nicht für ein hoch entwickeltes Sozialverhalten aus menschlicher Sicht, allen sensiblen Zeitgenossen sei jedoch versichert, es bleiben immer ein paar, wenn auch klägliche Reste für die Underdogs der Herde übrig und der Hungertod ist für einen Bosniaken höchst unwahrscheinlich.

Ein dummer Bosniake soll angeblich ein Ausbund an Gehorsam sein, immer brav und folgsam. Dies muss jedoch als "Hören-Sagen" behandelt werden, mir persönlich ist noch kein dummer Bosniake begegnet. Die Fähigkeit, Essbares zu sehen, zu schmecken, zu riechen, zu hören (ich schwöre, sie können das Gras wachsen hören!) ist mindestens so gut entwickelt wie ihr Talent, Menschen dazu zu bewegen, sie zu füttern. Keine Rasse der Welt kann so ausgehungert dreinschauen.

Wenn Ihnen bei einem Spaziergang auf einer Weide ein wunderschönes, meist recht pummeliges Pony begegnet, das irgendwie trotzdem auf Sie den Eindruck macht, es hätte seit Wochen nichts gegessen, dann ist das ein Bosniake. Schauen Sie ruhig genauer hin, ist es nicht ein tolles Pferd? Geben Sie ihm nichts, er wurde unter Garantie gerade gefüttert. Außerdem wird es sich beileibe nicht artig bedanken, es fordert Nachschub und zwar pronto!

Die Grundeinstellung des Bosniaken ist zutiefst pessimistisch. Auch nach vielen Jahren wird er Ihnen nicht soweit vertrauen, dass er glaubt, die Haferrechnung würde schon von Ihnen bezahlt. Wer weiß, ob es morgen wirklich noch etwas gibt. Er rechnet mit Ihrem Konkurs, geistiger Verwirrung oder mit Ihrem Ableben und frisst deshalb lieber heute alles was er kriegen kann. Es hilft auch wenig, ihn jahrzehntelang täglich auf die Weide zu stellen, um ihm Vertrauen einzuflößen. Er wird versuchen, sie in möglichst kurzer Zeit abzuweiden. Vielleicht läuft der Pachtvertrag aus? Sie lieben ihn nicht mehr? Andere Pferde könnten kommen und sein Gras vertilgen ... Der Bosniake handelt nach dem Motto "was Du heute kannst besorgen..."

Entgegen anders lautenden Gerüchten ist der Bosniake ein angenehmes, bequemes Reitpferd. Wenn man reiten kann und sich den passenden Typ aussucht. Hier sollte man einen Bosniakenkenner fragen, bevor man sich auf die Aussage verlässt, diese Ponys wären alle scheusicher, gelassen, lauffreudig und robust, was immer das heißen soll... Es gibt auch hier rühmliche Ausnahmen und man erkundige sich nach den jeweiligen individuellen Vorlieben und Abneigungen. Ansonsten kann es passieren, dass einen der Hüpfer an einem hochexplosiven Wasserschlauch kalt erwischt, oder man findet sich zügellos auf einem kleinen Pferd wieder, das gierig im Mais steht und hemmungslos denselben verschlingt, bevor man auch nur gemerkt hat, wie man dahin gekommen ist.

Auch auf reiterliche Fehler reagiert der Bosniake nicht einheitlich. Die freundlichste Variante besteht darin, einfach weiterhin das zu tun, was er ohnehin getan hätte. Auf besonders gemeine Forderungen Ihrerseits wird er ziemlich wahrscheinlich mit sturem Stehenbleiben antworten. Es bedarf dann Ihrer ganzen Überredungskunst und energischem Vorgehen, wenn Sie Ihren Kopf durchsetzen wollen. Es ist nicht empfehlenswert, den Bosniaken gewinnen zu lassen. Er hat ein Gedächtnis wie ein Elefant und wird immer wieder versuchen, Sie zu einer (für ihn!) bequemeren Lebensweise zu überreden.

Gezielte Abwürfe, Steigen, gefährliches Buckeln etc. kommen bei den Bosniaken, mal abgesehen von den Hengsten unter hormonellem Einfluss oder im Angesicht einer flirtenden Stute eher selten vor. Böse Zungen begründen dies mit der Abneigung gegen unnötige körperliche Betätigung, während Bosniakenfans darin gute Charaktereigenschaft sehen. Vielleicht haben ja beide recht, im Ergebnis trägt es jedenfalls zur Beliebtheit dieser Pferde bei.

Eine allgemein gültige Gebrauchsanweisung kann leider nicht abgegeben werden. Während der arabische Typ möglichst ohne Druck und zumindest in Gesellschaft mit angezogener Handbremse (aber bitte ohne viel Zügel - einwirkung!) geritten wird, eignet sich manch anderer Bosniake zur Bekämpfung von Oberschenkelfett, das recht schnell in Muskelmasse umgewandelt wird, wenn man versucht, mit anderen Pferden Schritt zu halten. Wobei es sehr hilfreich wäre, mit diesem Typ immer nur Richtung Stall und Futterkrippe zu reiten, hier kann er nämlich ordentlich an Tempo zulegen. Es handelt sich natürlich hierbei um die großen Ausnahmen, die meisten "Bossis" laufen ausgesprochen gerne, sind ausdauernd in allen Gangarten und bequemere Gänge müssen Sie lange suchen.

Der Gebrauch von Leckerlis bei der Ausbildung, von der einschlägigen Fachpresse oft empfohlen, funktioniert natürlich auch bei einem Bosniaken, allerdings nicht ohne Nebenwirkungen. Er lernt zwar innerhalb weniger Minuten, sich nicht vor einer quietschorangen Knisterplane zu fürchten. Wenn Sie sein Leibgericht einsetzen, können Sie das Pony in die Folie wickeln und es zärtlich damit rundherum streicheln.

ABER: Es dauert Monate, wenn nicht Jahre, bis Ihr Pferd sich damit abfindet, dass Sie nicht jedes Mal, wenn ihm etwas orangefarbenes begegnet, in die Tasche greifen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, aus dem Jagdgalopp eine Vollbremsung hinzulegen, weil irgendwo am Boden ein Bonbonpapier der entsprechenden Reizfarbe herumliegt, bitte, dann bilden Sie ruhig mit Naschzeug aus, aber behaupten Sie bitte hinterher nicht, Sie hätten von nichts gewusst.

Jeder Bosniake ist eine Persönlichkeit, die es verdient, verstanden, geachtet und geliebt zu werden. Glauben Sie nicht, dass es möglich ist, einen Bosniaken zu besitzen, er wird Sie besitzen und zwar mit Haut und Haaren. Er wird sich in Ihrem Herzen einnisten, Ihnen die Haare vom Kopf fressen, er wird Sie mit seiner Sturheit ärgern und Sie immer wieder durch seinen Einfallsreichtum überraschen.

Kurzum: Er wird Sie glücklich machen.

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© 2013 Gesellschaft der Freunde, Förderer und Züchter des Bosnischen Pferdes